Als ich mich mit 16 von zuhause absetzte ging es für mich um den Kampf: Kampf der Ungerechtigkeit, jenem Recht des Stärkeren, das sich das Tun und Handeln anderer aneignete und dies als verdienstwürdige Leistung betrachtete.
Häuser besetzten wir; den Kampftruppen der Kuschenden, des immer schon kuschenden (Klein-)Bürgertums, der Polizei, die mit Knüppel, Schild und Wasserwerfer dem Recht der faulenzenden, gierigen Klasse, die ihr Geld für sich arbeiten lässt (und als entlohnenswürdiges Risiko benennt, dass ihr dieses Geld abhanden kommen könnte – das ist die Rechtfertigung dieser Form arbeitslosen Einkommens; aber wie jeder weiß, diese Klasse wusste schon immer die Verluste zu sozialisieren und die Gewinne zu privatisieren)… den Unordnungskräften lieferten wir Straßenschlachten und genossen am selben Abend oder nächsten Tag den Aufschrei der Medien und das nachdenklich Kopfschütteln der intellektuellen Berufsbedenkenträger. Ihre Empörung war garstig, einfallslos und besitzstandwahrend und die unsrige lustvoll, laut, pöbelnd und vor allem freudvoll abenteuerlustig.
Ein Kampf, der heroisch und solidarisch einige Kulturveränderungen herbeiführte; Änderungen, die jene, die schon immer wussten, wie man aus Wandel Honig saugt und sich den Lebenssaft anderer risikolos aneignet, kommerzialisierten und durch Ausverkaufstechniken zu einer entschärften und besänftigenden Konsumware machten.
Wer heute durch die Straßen geht, kann T-Shirts sehen, die im modischen Grell verkünden, die Revolution lebe, der Punk sei nicht tot und Che Guevara irgendwie ziemlich cool; und Mao steht hübsch neben Lenin im Kitschladen…
Manche von uns gingen erst entnervt und dann enttäuscht von der Zynik herrschender Umstände und der vom Heroin und der Pop-Industrie vorangetriebenen, entsolidarisierenden Star-Kultur, von Tutti Frutti und Bierernst auf allen Kanälen, in die innere Fluchtbewegung – nein, keine Flucht, die Wiederentdeckung des Paradieses an der Stelle, wo es schon immer auf uns gewartet hatte… dachten wir. Dort, in uns, in unserem Herzen, unserem Geist, so hieß es – und unsere durstigen Seelen saugten es begierig auf – liege das Heil, die Befreiung, all das, was wir im Außen nie würden finden oder herstellen können.
Selbsterfahrung und darüber hinaus: Erleuchtung im Schoß der spirituellen Bewegung, deren Avantgarde wir wurden. Und, bei Gott!, wir hatten ein geschüttelt Maß an mystischen Erfahrungen: erst mit und dann auch ganz ohne Drogen. Wir meditierten, tanzten, tantrisierten, energie-arbeiteten uns in eine Region vor, von denen die Mystiker aller Zeiten, die kontemplativen Heroen und einige ganz wenige Heroinen kündeten.
Wieder ein Neues Zeitalter und wir bereiteten uns und die Welt darauf vor. Im Zuge dessen wurden unsere Beziehungen zu Schlachtfeldern der intimen Experimente, der unbedingten und bedingungslosen Ehrlichkeit und Selbstfindung; ein seelen-blutiges Feld der Verstümmelungen und Befreiungen – aber kein Opfer war zu groß auf dem Weg heim ins himmlische Reich, ins Nirwana, in die Erleuchtung, deren Licht uns heimleuchtete. Es galt das großfürchterliche Ego und all seine Narzissmen durch spirituellen Hedonismus und andere Ismen und Anti-Ismen zu vernichten oder zu überwinden, jedenfalls so klein wie möglich zu halten, aufdass das Zeitalter der Erleuchtung möglichst bald über uns alle hereinbrechen möge.
Und nun?
Nun sind wir über 50 und 60 und sind nichts Gescheites geworden – wollten wir ja auch nicht, denn es ging ja ums Heil des großen Ganzen; und weil jederzeit die Revolution oder das Reich Gottes ausbrechen konnte und wir uns dafür zum Tempel machten, hatten wir weder Zeit noch Energie, “etwas zu erreichen.” Nun, da allzu viele von uns in Harz 4 geparkt auf die Rente warten, die kaum was hergeben wird, womit man was anfangen könnte außer vor sich hinzukrepeln, nun, da jene Umwälzungen, die uns alle für immer glücklich machen würden, ausgeblieben sind und durch die Klimakatastrophe als herrschende Gesamtreligion ersetzt wurden – eine Überzeugung, die lustvoll am Alltag der Allzuvielen vorbeigeht und von der Unausweichlichkeit unseres Untergangs schwadronniert – nun: Was ist mit uns?
Werfen wir uns in ein neues emanzipatives Abenteuer, nicht ganz so blond und blauäugig vielleicht, oder winken wir ab, rauchen noch einen Joint oder Pfeifchen und schauen uns die neuste Inkarnation von Blade Runner, Herr der Ringe, Startrek oder Matrix an?
Oder backen wir fürderhin klitzekleine Brötchen und entsinnen uns der wundervoll scheinenden Gloriolen unserer Vergangenheit und wie wir zu jener Generationen gehören, die vor nichts halt gemacht hat?
Vielleicht auch erkennen wir im Dickicht unserer mannigfaltigen Erfahrungen das Morgengrauen oder die Morgenröte – je nach innerer Großwetterlage – einer Zeit, die wir nicht für möglich gehalten hätten: eines fahrigen, multiphrenen, chaordischen Zeitalters, das den Wandel, den rasanter, schneller und komplexer werdenden, zu surfen sucht. Und vom Brett fällt, ohne damit aufzuhören, wieder drauf zu steigen.
Vielleicht sind wir einfach neugierig und zugleich genügend abgebrüht, um die paradoxalen, vieldeutigen und ungezügelten, heutigen Umstände mit ein wenig Weisheit, dem Mut des Kleinen und ungeachtet unserer Fehlbarkeit und Hilflosigkeit offen entgegen zu treten; das raubt uns zwar bisweilen den Atem, hindet uns aber nicht daran, dabei zu bleiben als klitzekleiner Koautor des Schicksals dessen, was sich Leben, Gesellschaft und schlicht Welt nennt.



Schimpansen handeln selbstloser als bisher angenommen. Ein Forscherteam des Leipziger Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie (MPI) hat erstmals den experimentellen Beweis erbracht, dass diese Menschenaffen ihren Artgenossen helfen, selbst wenn ihnen daraus kein Vorteil entsteht. Damit sei die verbreitete These widerlegt, dass altruistisches Verhalten nur dem Menschen zueigen sei, teilte das Institut am Donnerstag mit.
Wichtig war aber offenbar der Faktor Hilflosigkeit, betonte Warneken, denn wenn der Gegenstand außer Reichweite war, die betroffene Person aber gar nicht versuchte, ihn aufzuheben, so boten Schimpansen und Kinder auch keine Hilfe an. Offensichtlich helfen sowohl Affen als auch Kleinkinder nur in Problemsituationen. Für beide gilt: Sie sind in der Lage zu erkennen, wann jemand Hilfe benötigt, und helfen dann ohne unmittelbaren Eigennutz – in der vorliegenden Studie bis zu zehnmal hintereinander.
Um auszuschließen, dass die Affen und Kinder möglicherweise bereits in der Vergangenheit für ähnliches Verhalten von einem Menschen belohnt wurden, wurde in einem weiteren Versuch der Faktor Mensch rausgelassen: Futter wurde hinter einer Tür platziert, die versperrt war. Ein Affe stand vor der Tür, konnte sie aber nicht öffnen. Der potenzielle Helfer war in einem anderen Käfig ohne Zugang zum Futter, konnte aber dem Artgenossen die Tür zum Futter öffnen.
Knapp 80 Prozent der potenziellen Helfer öffneten ihren Artgenossen die Tür und verschafften ihnen damit Zugang zum Futter, obwohl sie selbst leer ausgingen. «Wir konnten nicht einmal beobachten, dass die Helfer den Begünstigten um Futter anbettelten oder ihn einschüchterten», sagte Warneken. «Dieses selbstlose Verhalten ist auch deshalb erstaunlich, weil sich die Schimpansen niemals zuvor in dieser Situation befunden haben. Und das zeigt, dass sie auch neuartige Problemsituationen flexibel erkennen und entsprechend neue Formen der Hilfe entwickeln können.»
Wenn wir alle eins sind, warum arbeiten wir dann nicht gemeinsam und unterstützen uns tatkräftig?