(Fotos von Janshi in Seminaren in Prag und Pilsen)
Im Rahmen seiner Evolutionär Enlightenment Teachings schreibt der spirituelle Lehrer Andrew Cohen in einem Artikel “A Collective Emergence” (kollektive Emergenz) über einen Prozess, den er „Erleuchtete Kommunikation“ nennt und als nächsten Schritt in der Evolution des Bewusstseins betrachtet. Dazu heißt es auf Andrew Cohens Webseite: Stell dir vor, du kommst mit 4 bis 40 Leuten in einem Raum zusammen. Was nun geschehen wird, ist keine Diskussion, wie wir normalerweise darüber denken. In dieser Gruppe versuchen wir, etwas völlig Neues zu erreichen. Wenn dieses Neue erreicht ist, geschieht gemäß den Autoren des Artikels folgendes: Die fast universelle Erfahrung aller, die an diesen Gruppen teilnehmen, ist, dass sie mit anderen in tiefer Kommunion verschmelzen und zugleich eine unerwartete Freiheit entdecken, mehr sich selbst zu sein.
Abgesehen davon, dass „mehr sich selbst zu sein“ irgendwie komisch klingt, finde ich, ist auch dieser Prozess nicht so neu, wie hier behauptet, und wurde auch nicht von Andrew Cohen entdeckt: Andere sprechen beispielsweise vom „Kreis-Wesen“, das ein „Behälter für kollektives Bewusstsein“ ist. Die auch von Cohen benutzte Methode wurde ursprünglich als „Community Building“ (Gemeinschaftsbildung) von M. Scott Peck entwickelt. Und natürlich beschreiben auch die vielen Menschen, die diesen Prozess des Kreises verwenden, den von den Schreibern der Cohen-Webseite erwähnte universelle Erfahrung – ich habe meine Erfahrungen als Begleiter eines solchen Prozesses in dem Artikel Hieros Gamos ausführlich dargestellt; eine mindestens ebenso ausführliche Beschreibungen von Helen Titchen-Beth „Women moving The Edge“ und eine von Ria B..
Ich benutze diese Methode gelegentlich immer noch, verwende jedoch meistens eine andere, nicht verbale Methode, die ich Dynamic Presencing (dynamisches in-die-Gegenwart-bringen) nenne, um die ‚tiefe Kommunion‘ erfahrbar zu machen und zu erforschen.
In seinem Artikel “A Collective Emergence” zieht Andrew Cohen Schlussfolgerungen aus diesem Prozess, den er gelegentlich kollektive Erleuchtung nennt und für den nächsten Schritt der menschlichen Evolution hält. Es handelt sich offensichtlich auch um einen immer wichtiger werdenden Aspekt seiner gesamten Lehre. Er ist – und muss vielleicht – in seinem Artikel recht pauschal sein und reflektiert somit nicht, in welchem Rahmen der Prozess stattfindet: Menschen sitzen in einem Kreis und beziehen sich vor allem verbal auf einander. Es ist wichtig, dies von Anfang an klarzustellen, da die Art und Weise, wie wir diesen Prozess durchführen, die “kollektive Emergenz” wesentlich beeinflusst.
Am Anfang seines Artikels erklärt Andrew Cohen zunächst, was Bewusstsein seines Erachtens ist, nämlich “das intersubjektive Feld, das wir alle miteinander teilen” (the intersubjective field that we all share). Hier klingt bereits an, was in dem Artikel besonders auffällt, nämlich seine Überzeugung, dass was bei diesem Prozess als tiefe Kommunion zwischen uns in Erscheinung tritt, Bewusstsein ist. Ich bin mir nach den vielen Jahren, in denen ich mit diesen Phänomenen vertraut bin, nicht mehr so sicher, was dieses intersubjektive Feld ist; ein Feld, dass eindeutig vorhanden und wenn es kohärenter wird auch deutlich wahrnehmbar ist. Inzwischen neige ich zu der Annahme, es handele sich bei diesem lebendigen Feld ums eine ganz bestimmte Manifestation des Mysteriums im Bewusstsein des Einzelnen; eine Manifestation, sicherlich, die unserem individuellen Bewusstsein ein ungeahnte Tiefe gibt und es einbettet in ein unermesslich umfassenderes. Diese Wahrnehmung/Erfahrung geht einher mit einem Gefühl wahrer Kommunion (weshalb ich meinen oben erwähnten Artikel von diesem Prozess auch Hieros Gamos, Göttliche Hochzeit getitelt habe). Es ist meines Erachtens allerdings noch viel zu früh, und möglicherweise falsch, schon jetzt den Schluss zu ziehen, was zwischen uns ist (Cohens “intersubjektives Feld”), sei Bewusstsein.
Andrew Cohen sagt, nachdem er das intersubjektive Feld zu Bewusstsein erklärt hat: „ Wir sollten damit [gemeint ist der Prozess] anfangen, uns die Frage zu stellen: Was hält meine Aufmerksamkeit gefangen?” Er erklärt nicht, weshalb wir uns, von den vielen interessanten Fragen, mit denen man diesen Prozess einleiten kann, diese Frage stellen sollten. Ich gehe davon aus, dass dahinter die Annahme steht, die Aufmerksamkeit müsse aus Gefangenschaft befreit werden; eine Gefangenschaft die uns normalerweise nicht bewusst ist.
Aber stellt diese Frage nicht ergebnisoffen; vielmehr fügt er sofort hinzu, welche Antwort wir finden, nämlich „die Bewusstseinsqualität die jeder Einzelne und alle Individuen manifestieren“, sofern wir uns “authentisch auf den Prozess einlassen.” Man kann sich jetzt fragen: Weshalb eine Frage stellen und forschen, wenn die Antwort bereits vorgegeben ist? Das könnte natürlich ein Lapsus sein, aber er ist zielführend: Cohen sagt uns, was wir finden werden, sofern wir uns authentisch auf den Prozess einlassen. Ich erkenne hier ein verstecktes Werturteil, denn jede andere Antwort auf seine Frage ist ja in seiner Sicht nicht authentisch. Scott Peck und andere, die diesen Prozess durchführen, bringen diesem mehr Respekt entgegen, wenn sie ihn mit wirklich ergebnisoffenen Fragen einleiten und auch nicht von Vornherein festlegen, was dabei rauskommt, wenn man sich authentisch auf den Prozess einlässt.

Wenn Cohen nun feststellt, dass sich unsere Beziehungen zu anderen radikal wandeln, sowie wir uns innerhalb des intersubjektiven Bewusstseins auf einander beziehen, trifft er den Kern der Erfahrung, die ich in diesem Rahmen häufig gemacht habe. Aber schon wieder erklärt er uns sofort, was geschieht, und zwar diesmal mit den Konzepten, die wir im Rahmen dieses Prozesses erforschen (nämlich jene, die wir, gesteuert von seinen zielführenden Fragen, geformt haben). Diese Konzepte geraten in den Hintergrund; er sagt: „Sie werden nachrangig.“ Aber was, wenn wir ein anderes Konzept erforschen, als das von ihm empfohlene, beispielsweise: was da denn eigentlich zwischen uns geschieht, wenn wir uns auf diesen Prozess einlassen? Oder was, wenn wir uns darüber austauschen, was „authentische Gemeinschaft“ ist? Vielleicht wird dies als Konzept nachrangig, wenn wir, die wir im Kreis sitzen, diese tatsächlich erfahren, ja – aber auch in dieser Hinsicht halte ich Ergebnisoffenheit für förderlich.
Cohen sagt uns übrigens, wieso sie nachrangig werden: „Die Konzepte sind schlicht das, was du dazu verwendest, das Feld zu manipulieren.“ Aber dieses, sein Konzept – nämlich das der Manipulation des Feldes – ist ein in sich widersprüchliches. Zusammen in einer Runde zu sitzen um uns, in seinen Worten, „direkt auf die Bewusstseinsentwicklung einzulassen“, beziehungsweise auf das, was er „intersubjektives Feld“ nennt, ist an sich ja bereits ein manipulatives Konzept, um so mehr, da er uns erklärt hat, welche Fragen wir zu stellen haben und welche Antworten wir erhalten werden.
Wenn ich diesen Prozess begleite, in seiner verbalen oder auch nonverbalen Konstellation, folge ich anderen Konzepten und stelle andere Fragen; etwa: „Was ist authentische Gemeinschaft?“ Oder: „Was ist zwischen uns präsent, wenn wir uns einander vorbehaltlos öffnen?“ Darüber hinaus konstelliert sich der Prozess in nonverbalen Konfigurationen eher kinästhetisch und ästhetisch und ohne solche Fragen. Aber wie auch immer: Wir haben keine Möglichkeit, das Feld nicht zu manipulieren, denn wie wir es auch konfigurieren oder konstellieren – indem wir etwa in einer Runde sitzen und sprechen / still sind – wir ordnen das Feld immer, und zwar auf der Grundlage ganz bestimmter Konzepte. Manipulation ist unvermeidlich. Dass diese Konzepte dann durch tiefe und spürbare Kommunion etwa überwunden oder ‚transzendiert‘ werden, wirkt wiederum erst dann befreiend („sie werden nachrangig“), wenn man glaubt, in ihnen gefangen zu sein oder sie nicht manipulieren zu dürfen…
Es gefällt mir übrigens sehr, wenn Andrew Cohen meint: “Man erfährt, dass man ein Schritt weiter ist als das, was man versteht und entdeckt, und dass man spontan aus einer sehr viel intuitiveren Dimension her handelt und antwortet.“ Ich benutze viele Mittel und Wege, das Mysterium zwischen uns zu erkunden: Dynamic Presencing, Circles of the Heart, Herz-zu-Herz-Dialog; aber diese Erkundung ist auch im Alltag vorhanden, wenn ich Menschen treffe; auch wenn es nicht explizit ausgedrückt wird: Es macht Spaß, das „Zwischen-uns“ zu erforschen, ohne es zum Thema des Zusammentreffens zu machen und aus einer tieferen Dimension her zu handeln und da zu sein.

Ich stehe Cohens Ego-Konzept, dass er auch in diesem Artikel vertritt, insgesamt kritisch gegenüber und werde gleich noch mehr dazu sagen, aber zunächst will ich mich seiner Aussage widmen, dass im hier erörterten Prozess, „unsere Aufmerksamkeit sich langsam wegbewegt davon, auf den Einzelnen fokussiert zu sein und sich mehr auf das Kollektive einstimmt, bis sie schließlich direkt ins Bewusstseinsfeld hineingezogen wird.“ Cohen unterscheidet leider nicht zwischen „Bewusstseinsfeld“ und „Einstimmung aufs Kollektive“. Der Grund dafür dürfte sein, dass er sich bereits darauf festgelegt hat, dass das Mysterium zwischen uns Bewusstsein ist, während das ‚Zwischen-uns‘ meiner Meinung nach sehr viel umfassender als unser persönliches oder irgendein überpersönliches Bewusstsein ist. Das lebendige Feld zwischen uns erscheint oder manifestiert sich natürlich im Bewusstsein, und zwar in glückseliger Gestalt, wie jeder, der dies erfahren hat, sicherlich gern bestätigt, aber das heißt nicht, dass deshalb dieses Feld Bewusstsein wäre, in das „unsere Aufmerksamkeit […] schließlich hineingezogen wird.“ Es gibt in diesem Prozess nichts endgültiges, nichts was schließlich geschieht, sofern ich das sehen kann, und selbst wenn es das gäbe, dann stehen wir noch zu sehr am Anfang dieser Forschung, um irgend etwas Endgültiges aussagen zu können. Wobei ich natürlich verstehe, das Andrew Cohen solch eine Aussage macht: sie passt gut ins Geschäft „evolutionärer Erleuchtung“.
Nun wendet Cohen sich bei der Betrachtung der Phänomene in diesem Prozess der Moral zu und meint: „Dies [ehre die höheren Ebenen und halte sie aufrecht] ist der dem evolutionären Prozess[1] an vorderster Front (leading edge) eigene, moralische Imperativ. Wenn der Einzelnen sich verpflichtet fühlt, seine höchste, im intersubjektiven Kontext verwirklichten Errungenschaften aufrecht zu erhalten, wird die individuelle Transformation zur einzigmöglichen moralischen Antwort auf die kollektive Emergenz.“
In dem Prozess, um den es hier geht, in dem das ‘Zwischen-uns’ in den Vordergrund unserer Aufmerksamkeit tritt, und zwar so sehr, dass es für alle Beteiligten fast schon tastbar und als höchst wertvoll empfunden wird, wird man es sicherlich aufrecht erhalten, sofern man weiß wie. Das allerdings ist keine moralische Frage – und sollte es auch nicht sein, da sich unendlich viele Menschen bereits jetzt schuldig fühlen, weil sie so manchen tiefen und wertvollen Erfahrungen und Erkenntnissen auf ihrem Weg durchs Leben nicht wirklich gerecht werden. Aufzudecken, weshalb so viele spirituelle Erfahrungen und Erkenntnisse zwar zu „guten Vorsätzen“ aber nur selten zu Handlungen führen, statt mit weiteren moralischen Imperativen aufzuwarten, wäre ein Aufgabe, die eines Meisters von Cohens Stand würdig wäre… aber er lässt sie sausen und meint stattdessen: „In einer idealen Welt würde jeder Einzelne [es] spontan fühlen…“[2]
Wenn Cohen uns also sagt, weshalb dieser Prozess von uns fordert, dass jeder daran Beteiligte sich wandelt und dass diese „moralische Pflicht uns nicht von außen auferlegt wird, sondern spontan in jedem Einzelnen entsteht, und zwar durch die Intersubjektivität, die vom höheren Potenzials selbst erzeugt wird“, dann sagt er nur, was sowieso offensichtlich ist. Egal auf welche Art und Weise man in den den Ozean spiritueller Freude eintaucht, ob durch das, was zwischen uns ist, oder durch die eine oder andere Meditation, Katharsis oder Metanoia – wir werden uns immer wandeln wollen, damit wir mehr in Übereinstimmung damit sind, was sich uns dort offenbart hat. Und das kommt selbstverständlich nicht von außen sondern entsteht immer im Einzelnen, schließlich das ist ja auch derjenige, der sich wandelt.
Das ist es auch nur für Gurus wie Cohen und ähnlich gestrickte Zeitgenossen eine Überraschung, da diese noch glauben, dass der Meister oder die Erleuchtung den Menschen irgendwie von „außen“ wandeln können[3].
Cohen fragt dann wahrscheinlich eher rhetorisch zum Thema dieses von ihm moralisch eingeforderten Wandels: „Kann es eine größere Herausforderung für das Ego geben? Und dennoch kommt sie nicht von einer äußeren Autorität.“ Wer sich ein Wenig mit ihm befasst hat weiß , dass Cohen sich selbst als großen und notwendigen Herausforderer des Egos[4] betrachtet, der manchmal selbst vor Gewalt nicht zurückschreckt.
Die Erforschung des Mysterium zwischen uns kreist jedoch nicht unbedingt um jene Konzepte, die Cohen so sehr liebt: „Evolutionäre Erleuchtung“, „ der wahre Lehrer“, oder „ authentisches Selbst“ – auch wenn es natürlich vollkommen legitim ist, das ‚Zwischen-uns‘ auf diese Weise zu erforschen. Was auch immer in Erscheinung tritt, kann den daran Beteiligten tiefere Einsichten verschaffen. Allerdings berücksichtigt man die Möglichkeiten dessen, was zwischen uns ist, nicht – noch zeigt man ihnen viel Respekt – wenn man so handelt, als wisse man bereits, wie die Antworten auf diese Konzepte und Fragen lauten werden, weil sie so lauten müssen; und in diesem, wie in vielen anderen Artikeln zeigt sich eindeutig, dass Cohen meint, er kenne sie, wenn nicht der Form, so dann doch der Essenz nach.
Wenn es jedoch Eines gibt, was das ‘Zwischen-uns’ nicht ist, dann ist es das Guru-Prinzip. Ja, wir alle lernen in diesem Prozess und das Lernen kann tief und transformierend sein. Wie sehr und welche tragende Rolle das lebendigen Feld dabei spielt und wie es ist, sich vom vertikalen spirituellen Konzept in Richtung einer Spiritualität der Beziehung zu entwickeln, in der das Keis-Wesen – das, was zwischen uns ist – mehr und mehr in den Vordergrund rückt als wirkende, alltägliche Realität; das ist, was das Mysterium uns allen schenken kann…
